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      Geld allein macht nicht glücklich

      Geld allein macht nicht glücklich

      Sind Banken und Politik für die Nachhaltigkeit des Finansektors verantwortlich? Müssen Führungskräfte ethische Standards in ihren Unternehmen vorgeben? Was wollen wir überhaupt mit einer Investition erreichen?

      Diese und andere Fragen zum Thema Nachhaltigkeit beantwortet Dr. Erny Gillen, Caritas-Präsident von Luxemburg und Europa.

      LFF: Ist die Finanzwelt für ihre eigene Nachhaltigkeit verantwortlich?

      EG: Das Finanzsystem braucht keinen Nachhaltigkeitsanspruch für sich selber. Hingegen braucht die Gesellschaft als solche einen Nachhaltigkeitsanspruch. Unsere Gesellschaft heute kann nicht ihre eigene Zukunft oder die Zukunft ihrer Kinder verbrauchen. Das Finanzwesen ist in diesem Zusammenhang für das Wirtschaften der Menschen immer nur ein Mittel.

      Wenn man das Finanzwesen als ein Mittel zum Zweck versteht, dann ist der Zweck, dass die Gesellschaft und die Wirtschaft leben können und es den Menschen insgesamt gut geht. Da hat die Finanzwirtschaft trotzdem zu einem riesigen Erfolg der Menschen beigetragen. Aber dadurch dass man vergisst, wozu das Geld dient, hat das Geld plötzlich diese eigene Dynamik bekommen. Da gilt es sich einfach zurück zu besinnen und das Geld sozusagen wieder einzufangen in das Phänomen Gesellschaft, in das Phänomen Wirtschaft.

      LFF: Glauben Sie, dass der Finanzsektor sich an eigener Wichtigkeit überschätzt?

      EG: Der Finanzsektor selber leidet an der jetzigen Situation genauso viel wie jeder betroffene Betrieb. Es fehlt eher an konzeptuellen Vorschlägen aus der Gesellschaft und aus der Politik heraus, wohin denn der Finanzbereich sich entwickeln sollte. Wenn wir sagen, der Finanzbereich ist ein Mittel, dann muss jemand den Zweck für dieses Mittel bestimmen und dieser Zweck kann nicht intern im Finanzwesen gesucht werden, sondern außerhalb. Dies ist eine politische Vorgabe, die zur Zeit fehlt. Insofern haben wir es auch mit einem politischen Problem zu tun und nicht nur mit einem finanzwirtschaftlichen.

      LFF: Inwiefern ist es die Aufgabe der Banken, ihren Mitarbeitern ethische Richtlinien mitzugeben?

      EG: Innerbetrieblich haben wir es mit einem völlig anderen Problem zu tun. Jedes Unternehmen, ob das eine Bank, eine Wohlfahrtsorganisation oder ein produktiver Betrieb ist, braucht Mitarbeiter, die auch selber eine Kultur vertreten, für die das Unternehmen steht. Um zu einer solchen Kultur zu kommen, müssen sich zuerst einmal die Stakeholder darüber einig sein, welche Kultur, welche moralischen Werte man insgesamt vertreten möchte. Es ist sicherlich eine Aufgabe des Managements, diese Kultur auf die einzelnen Ebenen innerhalb des Unternehmens umzusetzen.

      LFF: Warum werden Themen wie Nachhaltigkeit immer nur dann angesprochen, wenn es eine Krise gibt?

      EG: Wir haben die Tendenz, vor uns hin zu leben, bis es einmal irgendwo entgleist, dann erst beginnen wir darüber nachzudenken. Häufig wird dann zuerst einmal darüber nachgedacht, warum etwas entgleist ist und man stellt sich gar nicht die Frage, wohin der Zug denn überhaupt fahren sollte. Insofern sind aber Krisen auch nützlich. Im alten Griechischen heißt ja Krise Unterscheidung, dass man unterscheiden sollte. Und gerade wenn es um Unterscheidung geht, geht es darum zu sagen: Wofür sollen wir überhaupt wirtschaften, wofür sollen wir überhaupt leben ?

      Die Urfragen des Menschen tauchen bei diesen Krisen plötzlich auf. Wir verdrängen die Urfragen meistens gerne, weil wir wissen, dass es keine definitive Antwort auf diese Urfrage gibt und wir nicht gerne in dieser Suchbewegung sind. Dabei gehört das Suchen mehr zum Mensch, als das Finden.

      LFF: Ist es nicht aber gerade im Bereich Geld schwierig, so zu denken? Geld zu investieren und nicht zu wissen, wohin es damit geht?

      EG: Wenn ein einzelner Mensch Geld investiert, muss er erstmal eine Idee haben, nicht wie viel Geld ich zurück bekommen will, sondern die Grundidee wäre, ein bestimmtes Produkt weiterzubringen. Wenn ich Geld in ein Produkt investiere, dann glaube ich an dieses Produkt und kann nicht einfach nur investieren, damit ich eine Rendite bekomme. Ich möchte das Produkt weiterbringen.

      Wir haben aber leider eine Entkopplung gemacht, indem wir uns fragen: Wo kann ich investieren, um Geld rauszuziehen? Dann ist es keine Investition mehr. Dann wird der Betrieb, um den es geht, genutzt, um mir persönlich mehr Geld zu bringen. Und diese Art, dass das Geld selber Geld macht, ist moralisch nicht zu vertreten. Mann kann immer nur über produktive Arbeit zu Geld kommen und nicht einfach das Geld zum Ersatz des Geldes machen.

      LFF: Man muss also den Begriff Investition noch mal neu definieren?

      EG: Genau.

      LFF: Wie lange wird die Debatte über Nachhaltigkeit und Ethik in der Finanzwelt noch andauern?

      EG: Ich habe den Eindruck, dass sie schon fast wieder abgebrochen ist. Es gibt zu viele Statistiken, die besagen, dass es der Wirtschaft bereits wieder gut geht und dabei ist, sich zu erholen. So hat man zu rasch den Eindruck, dass diese gesamten denkerischen Übungen und Umwege jetzt schon wieder überflüssig sind. Das ist eigentlich bedauerlich, denn ich bin mir nicht sicher, ob der nächste Schock so zu verkraften ist wie der jetzige.

      Wir wissen aber, dass wenn wir das System nicht verändern, eine nächste Krise bevorsteht. Wir wissen auch, dass dieser Schock noch einmal größer sein wird als derjenige, den wir jetzt hatten und vermutlich werden nicht so einfach die Mittel finden, diesen Schock dann aufzufangen.

       

      www.caritas.lu

      www.erny-gillen.lu

      www.financialforum.lu